„ … denn nie bin ich in der Gegenwart. Wir begegnen uns immer in der Abwesenheit. Wenn Sie von sich selbst sprechen, sprechen Sie von einem Abwesenden. Sie werden ihm nie die ganze Wirklichkeit leihen können, die Sie wollen. Und so auch die Wörter: Immer sind sie im Kampf mit der Abwesenheit des Wortes, mit dem, was sie nicht sagen können. Es ist die Abwesenheit, die den Wörtern Hör- und Sichtbarkeit verleiht, die großen weißen Zwischenräume des Schweigens zwischen den Wörtern, ohne welche die Wörter unsichtbar wären.“
Edmond Jabès in Die Schrift der Wüste
Sarah Nemtsov (geb. Reuter) wurde 1980 in Oldenburg geboren. Ihre Mutter war die Malerin Elisabeth Naomi Reuter. Mit acht Jahren begann sie zu komponieren. Von 1989 bis 1993 wirkte sie als Blockflötistin bei zahlreichen Konzerten und Aufnahmen des REIL-Trios mit. Mit 14 Jahren begann sie, Oboe zu spielen.
WERDEGANG
Von 1998 bis 2000 war Sarah Nemtsov Jungstudentin für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hannover bei Nigel Osborne, setzte dann ihr Kompositionsstudium bei Johannes Schöllhorn fort und studierte zusätzlich Oboe bei Klaus Becker und ab 2003 bei Burkhard Glaetzner in Berlin. Nach ihrem Diplomabschluss 2005 in beiden Fächern wurde sie Meisterschülerin im Fach Komposition bei Walter Zimmermann an der Universität der Künste Berlin (Meisterschülerexamen Komposition mit Auszeichnung). Seit 2007 konzentriert sie sich ausschließlich auf die Komposition. 2014 war sie Gastdozentin für Komposition mit Schwerpunkt Musiktheater an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, 2018 lehrte sie im Rahmen einer DAAD-Dozentur an der University of Haifa. Sarah Nemtsov ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Seit dem Wintersemester 2022/23 ist sie Professorin für Komposition an der Universität Mozarteum Salzburg.
KOMPOSITORISCHES SCHAFFEN
„Wildwuchernde Inspiration“ – so beschrieb der Deutschlandfunk die Arbeitsweise Sarah Nemtsovs. Ihr Werkverzeichnis umfasst über 150 Kompositionen und nahezu alle Gattungen – von Solowerken über Kammermusik und Orchesterwerke bis hin zu Opern, elektronischer Musik und multimedialen Arbeiten. Seit 2016 werden ihre Werke bei Ricordi verlegt.
In ihrer eigenwilligen Musiksprache verbindet sie unterschiedliche Einflüsse, von Renaissance- und Barockmusik über Jazz und Rock bis hin zu elektronischer Musik. Die Intensität ihrer Musik entsteht dabei auch aus der Auseinandersetzung mit außermusikalischen Inhalten. Dazu zählen politische und gesellschaftliche Fragestellungen ebenso wie zwischenmenschliche Konstellationen. Eine wichtige Rolle spielt die Auseinandersetzung mit anderen Künsten und insbesondere mit Literatur. Sarah Nemtsov bezieht sich in ihren Kompositionen auf Texte von Walter Benjamin, Paul Celan, Edmond Jabès, Emily Dickinson, Virginia Woolf, Sylvia Plath, E. E. Cummings, W. G. Sebald oder Olga Tokarczuk, die ihre Musik auf inhaltliche, sinnliche und konzeptuelle Weise inspirieren. Dabei interessiert sie sich besonders für Übergänge und Zwischenräume – zwischen Klang und Geräusch, Instrument und Elektronik, Konzert und Musiktheater, Konstruktion und Chaos.
Ihre neueren Werke beschäftigen sich mit Formen von Ambiguität, Vielschichtigkeit und der Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Zustände. Einen wichtigen Werkkomplex bilden ihre Kompositionen, die sich mit Vorstellungen der jüdischen Mystik (Kabbalah) auseinandersetzen, darunter die Tetralogie „TZIMTZUM“ und der Metazyklus „SEPHIROT“.
PREISE UND AUSZEICHNUNGEN
Sarah Nemtsov erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, darunter 2012 den Deutschen Musikautor*innenpreis der GEMA in der Kategorie Nachwuchsförderung und 2013 den Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste Berlin. 2016 gewann sie den internationalen RicordiLAB-Kompositionswettbewerb, 2018 erhielt sie den Oldenburger Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik. 2020 war sie für den Opus Klassik als „Komponistin des Jahres“ nominiert. 2021 wurde sie Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste sowie der Akademie der Künste Berlin, Sektion Musik. 2025 wurde sie mit dem renommierten Heidelberger Künstlerinnenpreis ausgezeichnet.
FESTIVALS, ENSEMBLES & INTERPRET*INNEN
Sarah Nemtsov arbeitet regelmäßig mit Ensembles und Orchestern wie dem WDR Sinfonieorchester, dem hr-Sinfonieorchester, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Konzerthausorchester Berlin, dem Ensemble Musikfabrik, Klangforum Wien, ensemble mosaik, Ensemble Modern, Ensemble Intercontemporain, Contrechamps, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, dem Arditti Quartet, dem Diotima Quartet oder dem Trio Boulanger zusammen. Mit dem Ensemble Adapter sowie dem Ensemble Nikel verbindet sie eine besondere, langjährige und intensive Zusammenarbeit.
Ihre Musik wurde von Dirigent*innen wie Joana Mallwitz, Elena Schwarz, Jonathan Stockhammer, Peter Rundel, Titus Engel, Baldur Brönnimann, Michael Wendeberg, Bas Wiegers, Johannes Kalitzke und Ilan Volkov interpretiert. Nemtsovs Werke wurden bei internationalen Festivals und Konzertreihen wie den Donaueschinger Musiktagen, den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, der Münchener Biennale, Musica Strasbourg, ECLAT, Ultraschall Berlin, MaerzMusik, dem Holland Festival, den Bregenzer Festspielen, Wien Modern, Klangspuren Schwaz, Huddersfield Contemporary Music Festival und dem ISCM World New Music Festival aufgeführt. 2022 widmeten sich zwei Portraitfestivals ihrem Schaffen: Les Amplitudes in der Schweiz und w e i t – Weingarten in Süddeutschland. In der Spielzeit 2022/2023 war sie Composer in Focus am Saarländischen Staatstheater, 2026/2027 Composer in Residence am Theater Magdeburg.
Ihre 70-minütige Tetralogie “TZIMTZUM” (2020–2023) für Solistenensemble und Orchester wurde im November 2023 beim Festival Essen NOW! mit dem WDR Sinfonieorchester und Ensemble Nikel unter Leitung von Peter Rundel gebracht. Ihr neuestes Orchesterwerk “Antlitz” wird im Januar 2027 von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Kirill Petrenko uraufgeführt.
BÜHNENWERKE
Das Musiktheater nimmt einen zentralen Platz in Sarah Nemtsovs Schaffen ein. Ihre Kammeroper „Herzland“ wurde 2006 in Hannover uraufgeführt. Die abendfüllende Oper „L’ABSENCE“ (2006–2008) nach dem „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès folgte 2012 bei der Münchener Biennale. „SACRIFICE“ (2016) nach einem Libretto von Dirk Laucke wurde 2017 am Theater Halle uraufgeführt – „Klang wird Raum wird Zeit wird Wirklichkeit“ schrieb DIE ZEIT, einen „bewegenden Opernabend“ nannte es die Süddeutsche Zeitung, „Musiktheatererlebnis der Extraklasse“ Die Deutsche Bühne. 2022 wurde im Rahmen der Ruhrtriennale ihr inszenierter Zyklus „HAUS“ in der Turbinenhalle Dortmund präsentiert – „Ein von der Kette gelassener Klangrausch, der Assoziationsräume öffnet“ (so die nmz). Im Mai 2023 hatte ihre Oper „OPHELIA“ (2020–2022) zu einem Libretto von Mirko Bonné am Saarländischen Staatstheater Premiere – „ein erschütterndes, ideen- und allusionsreiches Musiktheater der totalen Grenzüberschreitung“ (Opernwelt).
Ihre Oper „WE“ nach dem dystopischen Roman von Evgenij Zamyatin wurde im Mai 2026 an der Oper Dortmund uraufgeführt. Regie führte ebenfalls Eva-Maria Höckmayr. „Diese Musik ist klanglich so fein abschattiert und vielschichtig, dass man des Zuhörens nicht müde wird.“ (nmz)
EINSPIELUNGEN
In der Reihe Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats erschien 2012 das Portrait-Album „A LONG WAY AWAY. Passagen / Hoqueti“. 2018 erschien bei Wergo das Portrait-Album „amplified imagination“ mit dem Ensemble Adapter, dem Sonar Quartett und dem ensemble mosaik. 2024 erschien das Album „TZIMTZUM“ bei bastille musique (Ensemble Nikel und WDR Sinfonieorchester) und wurde mit dem Clef d’Or von ResMusica ausgezeichnet. Einspielungen ihrer Werke erschienen u.a. bei Rondeau, Hänssler Classic und Genuin. Zu den jüngeren Veröffentlichungen zählen Aufnahmen des Liederzyklus „heimwehgefiedert“ (2022), „Wolves“ (2023), „IRA“ (2025), „Theo/Ahva“ (2026). Weitere CDs sind in Vorbereitung.
PROJEKTE
Sarah Nemtsov lebt mit ihrer Familie in Berlin. Gemeinsam mit ihrem Mann Jascha Nemtsov eröffnete sie im Mai 2015 den „Raum für Kunst und Diskurs“ – für verschiedene Veranstaltungen, Konzerte, Diskussionen und als Ausstellungsraum für das Werk und Archiv der Malerin Elisabeth Naomi Reuter, deren Nachlass sie seit 2017 betreut. Nemtsov war außerdem an der Veröffentlichung des Kunstbands „Elisabeth Naomi Reuter: Im Mittelpunkt der Mensch. Ölgemälde und Zeichnungen“ (Hentrich&Hentrich, 2015) beteiligt sowie an der zweisprachigen, erweiterten Neuausgabe von Reuters Bilderbuch „Judith und Lisa / Best friends“ (Hentrich&Hentrich, 2024), das 1988 als eines der ersten Bilderbücher zum Thema Holocaust erschienen war.
Als Künstlerische Leiterin und Komponistin initiierte sie das Projekt „MEKOMOT“ (2015–2016), eine Konzerttournee mit zeitgenössischen Kompositionen und alten jüdischen Gesängen durch ehemalige Synagogen in Deutschland und Polen.
Gemeinsam mit dem Ensemble Adapter und dem Autor Finn-Ole Heinrich entwickelte sie außerdem das LiveMusikHörBuch „Helm auf“ (2015) für Menschen ab 10.
Sarah Nemtsov ist regelmäßig als Jurymitglied bei Kompositionswettbewerben und Förderprogrammen tätig und arbeitet darüber hinaus beratend und kuratorisch in verschiedenen Kontexten.
DOWNLOAD: Biographie Sarah Nemtsov (deutsch)
DOWNLOAD: Biography Sarah Nemtsov (English)
OBOE
Als Oboistin gewann Sarah Nemtsov erste Preise bei verschiedenen nationalen Wettbewerben, wie z.B. beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ 1999 (1. Preis Bläserquintett) und 2000 (1. Preis Oboe solo). Ebenfalls 2000 bekam sie einen Sonderpreis des Hannoverschen Künstlervereins. Beim “Hanns-Eisler-Preis für Komposition und Interpretation Zeitgenössischer Musik 2007” wurde sie außerdem als Oboistin mit einem Sonderpreis für die Interpretation eines eigenen Werkes ausgezeichnet. Sarah Nemtsov gab Konzerte im In- und Ausland als Solooboistin und Mitglied verschiedener Kammerensembles, z.B. im Duo mit ihrem Mann, dem Pianisten Jascha Nemtsov. Seit 2007 konzentriert Sarah Nemtsov sich ausschließlich auf die Komposition.

Sarah bei einem Konzert mit dem Reiltrio 1989; Ilse Reil und Sarah (Reuter), Blockflöten; Hermann Dick, Cembalo
Bilder auf dieser Website
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Elisabeth Naomi Reuter (1943-2017) wurden mehrere ihrer Werke bei der Gestaltung dieser Website verwendet.